LANDESVERBAND BAYERN

Rumänien-Hilfe

Der Weg zurück ins Leben

Die Bilder aus den rumänischen Kinderheimen gingen vor 25 Jahren um die Welt. Unter der Ceaușescu-Diktatur sollten die Frauen möglichst viele Kinder bekommen und sie dann dem Staat überlassen. Nach Ceaușescus Sturz 1989 erfuhr die Welt von den zehntausenden verwahrlosten Kindern in den Heimen. Der ASB Würzburg baute schon kurz nach der Wende neue menschenwürdige Heime und errichtete Familienhäuser.

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Als die deutsche Delegation im Jahr 1990 erstmals die alten Waisenheime besichtigen konnte, trafen sie auf vollkommen verstörte Kinder. © ASB Würzburg

„Wir wussten nicht, was Grashalme und Blätter sind. Wir hatten einfach keine Vorstellung davon, wie das Leben draußen aussieht.“ Wer Rozalia länger zuhört, dem kommen irgendwann unweigerlich die Tränen. So wie der 27-Jährigen selbst, wenn sie über die Zeit spricht, als sie im Waisenhaus der rumänischen Kleinstadt Lipova wohnen musste. 160 Kinder wurden dort zur Wendezeit auf engstem Raum zusammengepfercht. Keine Duschen, keine Heizung, kein Spielzeug – und keine Zuneigung. „Wir waren keine Kinder, wir waren Tiere.“
25 Kilometer weiter nördlich dieselbe Lage: Auch dort in Siria wurden die Waisenkinder unter absolut menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht. „Die Jungen und Mädchen mussten in schimmeligen Scheunen wohnen“, erinnert sich Thomas Klüpfel vom ASB Würzburg. „In den bitterkalten Unterkünften spürten die Kinder oftmals ihre Gliedmaßen gar nicht mehr und merkten dann auch nicht, wenn sie von Ratten gebissen wurden.“
Lipova und Siria wurden in den Folgejahren für Thomas Klüpfel so etwas wie seine zweite Heimat. Dutzende Male war er in Rumänien, um an beiden Standorten Großes entstehen zu lassen: In Siria errichtete der ASB aus einem bestehenden Rohbau ein neues Heim, in Lipova wurde das bestehende Waisenhaus grundlegend saniert – beide Baumaßnahmen wurden finanziell vom Freistaat Bayern unterstützt. Die heutige Landtagspräsidentin Barbara Stamm war häufig im Land, um sich ein eigenes Bild zu machen.

Nach der Geburt im
Krankenhaus zurückgelassen

In Lipova gründete der ASB Würzburg außerdem – gemeinsam mit dem Verein „Kinderreigen“ –  sogenannte Familienhäuser. Auch Rozalia kam in eines der damals insgesamt zehn Familienhäuser. „In jedem Haus haben wir Wohngruppen für zehn bis zwölf Kinder untergebracht“, sagt die Kinderreigen-Vorsitzende Dr. Lia Gheorgheoiu. „Dort wurden sie liebevoll von Pflegeeltern und Erziehern betreut und versorgt. Gemeinsam besuchten sie die nahegelegene Schule.“
So wie Rozalia waren die meisten Kinder Sozialwaisen, deren Eltern entweder heillos überfordert waren oder die arbeitssuchend ins Ausland gegangen sind, um ohne ihre Kinder ein neues Leben zu beginnen. „Mich haben meine Eltern direkt nach der Geburt einfach im Krankenhaus zurückgelassen“, sagt die heute 27-jährige Rozalia. Im Alter von drei Jahren sei sie in das Waisenhaus in Lipova gekommen. „Fünf Jahre musste ich an diesem Ort vor mich hin vegetieren. Mit acht Jahren ging mein Leben eigentlich erst los – im Familienhaus.“  
Vor etwa zehn Jahren hat Rozalia ihre Eltern erstmals wieder getroffen. „Sie haben mir gesagt, dass sie mich zurückgelassen hatten, weil ich krank gewesen bin. Nach diesem einen Treffen wollte ich sie nie wieder sehen.“ Auch der 26-jährige Manuel wurde einst von seinen Eltern ins Heim gegeben – als einziges von insgesamt 13 Geschwistern! Warum? Er weiß es nicht. Auch er hat den kurzzeitig aufgenommenen Kontakt zur Mutter inzwischen wieder abgebrochen.

Alle wollen eigene
Familie gründen

Rozalia und Manuel meistern ihren Alltag in bewundernswerter Weise. Beide arbeiten in Fabriken, verdienen umgerechnet etwa 250 Euro monatlich. „Das Leben in den Familienhäusern hat ihnen viel gegeben: Gemeinschaftssinn, Verantwortungsbewusstsein, Fleiß und Ehrgeiz“, sagt Dr. Lia Gheorgheoiu. Und auch Thomas Klüpfel ist stolz auf „seine“ Kinder: „Wenn man sieht, dass aus ihnen trotz des albtraumhaften Beginn ihres Lebens nun selbstbewusste und lebenslustige Menschen geworden sind, macht mich das natürlich sehr glücklich.“ Heute leben in den fünf noch bestehenden Familienhäusern 60 Kinder.  
In einem Punkt sind sich Rozalia, Manuel und die anderen einig: Alle wollen einmal eine eigene Familie gründen. Was sie dann ihren eigenen Kindern vermitteln möchten, fragen wir abschließend. Die Antwort fällt einhellig aus: „Liebe.“